18.April 1944 Bombenangriff auf die ARADO - Flugwerke in Rathenow  
     
 

Vor 60 Jahren, am 18.April 1944, flogen schwere amerikanische Bomberverbände einen Angriff auf Rathenow. Unser Artikel folgt schlaglichtartig dem Weg einer dieser Bomben – aus dem Bombenschacht eines amerikanischen Bombers hinunter in die Montagehallen polnischer Zwangsarbeiter.

 
     
 

Der 18.April 1944 war ein Tag mit dichten Wolken. Die B17- und B24-„Liberator“-Bomber der 8. Air Force der Amerikanischen Armee hatten Probleme, die anvisierten Ziele durch die dichte, schnell treibende Wolkendecke auszumachen. Eben hatte die 446. Bombergruppe, die im Anflug auf Rathenow war, beigedreht und ihre Fracht, 87 Hundert-Pfund-Bomben, stattdessen über dem Chemiewerk in Döberitz abgeladen; die 453., die 389. und Dutzende andere waren noch unterwegs. 496 Flugzeuge waren an diesem Tag im Luftraum zwischen Brandenburg und Rathenow im Einsatz; ein gefährlicher Einsatz, der vor Tagesende 121 Crewmitglieder der Amerikaner das Leben kostete. 114 Flugzeuge wurden im erbitterten Feuer der deutschen Wehrmacht beschädigt, 16 abgeschossen.

Die „Naughty Norma“, der 30 m breite und fast 20 m lange B-24-Bomber der 389. Bombergruppe, hatte eben Mögelin überquert. John C. Forsyth, George Borroughs, Bernard Prueher und Harold N. Rhodes orientieren sich am Flussverlauf der Havel; der 15. Kampfeinsatz der zehnköpfigen Crew erforderte äußerste Konzentration. Das Ziel hatte erhebliche militärische Bedeutung – das Rathenower Außenwerk der Arado-Flugzeugfabrik produzierte noch immer auf Hochtouren die Kampfbomber der deutschen Luftwaffe.

Die Bomberfabrik in Heidefeld lag, verteilt in einige Einzelgebäude, gut getarnt in einem Waldstück. Sie bestand, aus der Luft kaum erkennbar, aus großen Produktions-Hangars, Lagerhäusern, Verladerampen mit Eisenbahnanschluss und einem autarkem Strom- und Wasserwerk. Im Arado-Werk arbeiteten einige tausend Menschen, darunter überwiegend polnische Zwangsarbeiter, die in 4 km Entfernung in zehn großen Holzbaracken unter den erniedrigendsten Bedingungen untergebracht waren. Gegenüber vom Werk, auf der anderen Havelseite, gab es ein zweites Barackenlager für französische Kriegsgefangene; enge Schlafräume mit jeweils neun Doppelbetten, karge Ausstattung.

Fast rund um die Uhr produzierte Arado in Rathenow den Kampfbomber Heinkel He-177. Die mächtigen Tragflächen und Leitwerke wurden in den Hangars zusammengenietet; im Schutz der Dunkelheit wurden die fertigen Flugzeuge abtransportiert. Die Zwangsarbeiter hatten das Werk eben für eine spärliche Mahlzeit verlassen – tausende von ausgehungerten Menschen, das markante „P“ auf die zerrissenen Jacken genäht, das Erkennungszeichen der polnischen Zwangsarbeiter, das ihnen in den Straßen Rathenows Aggressionen und Verachtung einbrachte. „Ost“ war das Abzeichen der Russen; Balten, Serben, Spanier, Franzosen, Holländer und Belgier waren ebenfalls interniert, aber nicht mit separaten Abzeichen gebrandmarkt. Eine halbe Stunde dauerte diese Mittagspause, in der es ohnehin nur eine dünne Suppe gab. 15 Minuten Frühstückspause war die einzige andere Unterberechung des harten, zwölfstündigen Arbeitstages; 5 Pfund Brot und eine kleine Ecke Wurst, ein Klecks Marmelade waren die Nahrung einer ganzen Woche. Diebstähle wurden drakonisch bestraft.

Der Fliegeralarm wurde ausgelöst, als die Mittagspause ihrem Ende entgegen ging. Das ferne Dröhnen war gewaltig; es waren keine kleinen Tiefflieger, die auf Rathenow zuschossen, sondern etliche schwere Bomberstaffeln. Unten warfen sich die zurückkehrenden Zwangsarbeitertrupps seitlich in die Büsche; oben an Bord der „Naughty Norma“ gab der 1.Leutenant Forsyth den Befehl zum Abwurf. Es gab keine Zeit zu verlieren, wenn man die von der Army geforderten 30 Bombermissionen überleben wollte. Miller, der als Bombardier für den Abwurf zuständig war, ging auf „go“, und 52 Hundertpfünder fielen aus den Bombenschächten der B 24; etliche Flugzeuge hinter und neben der „Naughty Norma“ eröffneten ebenfalls den Bombenabwurf. „Ziel verfehlt“, meldete der Ausguck in der gläsernen Bombernase, aber da ging schon mit einer heftigen Explosion und Rauchfahne das Farben- und Treibstofflager der Aradowerke in Flammen auf. Die beißende Rauchfahne schoss zum Himmel hinauf; Forsyth ging auf größere Flughöhe und drehte den Kurs Richtung Dänemark. Unter ihnen brannte Arado.

Am Abend boten einige Gebäude der geheimen Kriegsfabrik den Anblick eines Trümmerfeldes. An eine umgehende Wiederaufnahme der Arbeiten war nicht zu denken. Die Rathenower Bomberproduktion war gestoppt.
Noch bis zum Kriegsende arbeiteten Zwangsarbeiter in Heidefeld, doch die Bombardements des 18. April 1944 hatten schwere Schäden angerichtet, die ein Erreichen der alten Kapazität unmöglich machten. Zuletzt montierte Arado Rathenow Teile des leichteren Bombers Fokke-Wulff 190. Bei Kriegsende schlossen sich die Wachposten der Lager und der Fabrik den fliehenden Truppenteilen an; die Zwangsarbeiter blieben zurück und waren frei.

Die „Naughty Norma“ und die Bombercrew um Forsyth, Borroughs und Rhodes waren zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Einsatz. Die Crew, diesmal an Bord eines anderen B-24-Bombers, war während ihrer 29. Mission Ende Mai 44 in einen heftigen Luftkampf über der Ostsee verwickelt worden und konnte das zum Wrack geschossene Flugzeug mit viel Glück in Schweden notlanden. Die „Naughty Norma“ selbst, der zerbeulte Bomber mit den vier 1200 PS starken Pratt&Wittney-Motoren und dem (Forsyths Frau Norma gewidmeten) PinUp auf der Nase, war noch etwas länger in der Luft. Am 19. Juli 1944 wurde das Flugzeug über dem Schwarzwald von der Flak getroffen und stürzte ab. Die Crew konnte sich aus 1.500 m Höhe mit dem Fallschirm retten. Das Flugzeug stürzte in einen Wald und brannte aus.

Arado heute

Wer heute die vier versprengten kleinen Waldstückchen in Rathenow-Heidefeld sucht, staunt bald, wie vollständig die Natur die Spuren der Vergangenheit überwuchert zu haben scheint. Unter Birken und Kiefern tanzen die Schmetterlinge; zwischen dem ehemaligen Hangar und der Havel ist eine malerische Sumpfwiese. Und doch: etwas ist befremdlich an der landschaftlichen Idylle. Erdwälle, kleine Hügel, tiefe Furchen mitten im Wald deuten darauf hin, dass hier nicht immer glatter Waldboden war; dass die Erde alte Fundamente enthalten mag, Trümmer der damaligen Geheimfabrik. 

Und: auch dubiose Schatzjäger scheinen sich dafür zu interessieren, was aus Arado geworden ist. Frische Grabespuren an mehreren Stellen belegen, dass manches versunkene Stück Propeller oder Werkzeug vielleicht doch nicht für immer in der Rathenower Erde liegen bleibt... irgendwo am Waldrand finden sich zusammengeschobene Feldbettreste, ein Holzkohlegrill: Picknickplatz von Waldarbeitern... oder der Spielplatz schlafwandelnder Nazi-Nostalgiker?

Quelle: http://www.semlin.de/pages/liberator.html    (2004)

 
 

Bild links: Zielfoto eines amerikanischen B 24 Bombers von Rathenow - Heidefeld. Die Rauchwolke resultiert aus Bombentreffern im Arado - Flugzeugwerk (Foto:  Märkische Allgemeine Zeitung)

 

 

   

 

Bild rechts oben: Die "Basic 8" im April 44: Mulqueeney, Burroughs, Meads, Prueher, Pilot John C. Forsyth, Rhodes, Sawyer, Kellis. Miller und Moore fehlen auf dem Bild. (Foto: http://www.semlin.de/pages/liberator.html)

 

 

 

 

 

 

 

Bild rechts unten: B 24 (Foto: http://www.semlin.de/pages/liberator.html)

 

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