| |
Der
18.April 1944 war ein Tag mit dichten Wolken. Die B17- und B24-„Liberator“-Bomber
der 8. Air Force der Amerikanischen Armee hatten Probleme, die anvisierten Ziele
durch die dichte, schnell treibende Wolkendecke auszumachen. Eben hatte die 446.
Bombergruppe, die im Anflug auf Rathenow war, beigedreht und ihre Fracht, 87
Hundert-Pfund-Bomben, stattdessen über dem Chemiewerk in Döberitz abgeladen;
die 453., die 389. und Dutzende andere waren noch unterwegs. 496 Flugzeuge waren
an diesem Tag im Luftraum zwischen Brandenburg und Rathenow im Einsatz; ein gefährlicher
Einsatz, der vor Tagesende 121 Crewmitglieder der Amerikaner das Leben kostete.
114 Flugzeuge wurden im erbitterten Feuer der deutschen Wehrmacht beschädigt,
16 abgeschossen.
Die „Naughty Norma“, der 30 m breite und fast 20 m lange B-24-Bomber der
389. Bombergruppe, hatte eben Mögelin überquert. John C. Forsyth, George
Borroughs, Bernard Prueher und Harold N. Rhodes orientieren sich am Flussverlauf
der Havel; der 15. Kampfeinsatz der zehnköpfigen Crew erforderte äußerste
Konzentration. Das Ziel hatte erhebliche militärische Bedeutung – das
Rathenower Außenwerk der Arado-Flugzeugfabrik produzierte noch immer auf
Hochtouren die Kampfbomber der deutschen Luftwaffe.
Die Bomberfabrik in Heidefeld lag, verteilt in einige Einzelgebäude, gut
getarnt in einem Waldstück. Sie bestand, aus der Luft kaum erkennbar, aus großen
Produktions-Hangars, Lagerhäusern, Verladerampen mit Eisenbahnanschluss und
einem autarkem Strom- und Wasserwerk. Im Arado-Werk arbeiteten einige tausend
Menschen, darunter überwiegend polnische Zwangsarbeiter, die in 4 km Entfernung
in zehn großen Holzbaracken unter den erniedrigendsten Bedingungen
untergebracht waren. Gegenüber vom Werk, auf der anderen Havelseite, gab es ein
zweites Barackenlager für französische Kriegsgefangene; enge Schlafräume mit
jeweils neun Doppelbetten, karge Ausstattung.
Fast rund um die Uhr produzierte Arado in Rathenow den Kampfbomber Heinkel
He-177. Die mächtigen Tragflächen und Leitwerke wurden in den Hangars
zusammengenietet; im Schutz der Dunkelheit wurden die fertigen Flugzeuge
abtransportiert. Die Zwangsarbeiter hatten das Werk eben für eine spärliche
Mahlzeit verlassen – tausende von ausgehungerten Menschen, das markante
„P“ auf die zerrissenen Jacken genäht, das Erkennungszeichen der polnischen
Zwangsarbeiter, das ihnen in den Straßen Rathenows Aggressionen und Verachtung
einbrachte. „Ost“ war das Abzeichen der Russen; Balten, Serben, Spanier,
Franzosen, Holländer und Belgier waren ebenfalls interniert, aber nicht mit
separaten Abzeichen gebrandmarkt. Eine halbe Stunde dauerte diese Mittagspause,
in der es ohnehin nur eine dünne Suppe gab. 15 Minuten Frühstückspause war
die einzige andere Unterberechung des harten, zwölfstündigen Arbeitstages; 5
Pfund Brot und eine kleine Ecke Wurst, ein Klecks Marmelade waren die Nahrung
einer ganzen Woche. Diebstähle wurden drakonisch bestraft.
Der Fliegeralarm wurde ausgelöst, als die Mittagspause ihrem Ende entgegen
ging. Das ferne Dröhnen war gewaltig; es waren keine kleinen Tiefflieger, die
auf Rathenow zuschossen, sondern etliche schwere Bomberstaffeln. Unten warfen
sich die zurückkehrenden Zwangsarbeitertrupps seitlich in die Büsche; oben an
Bord der „Naughty Norma“ gab der 1.Leutenant Forsyth den Befehl zum Abwurf.
Es gab keine Zeit zu verlieren, wenn man die von der Army geforderten 30
Bombermissionen überleben wollte. Miller, der als Bombardier für den Abwurf
zuständig war, ging auf „go“, und 52 Hundertpfünder fielen aus den
Bombenschächten der B 24; etliche Flugzeuge hinter und neben der „Naughty
Norma“ eröffneten ebenfalls den Bombenabwurf. „Ziel verfehlt“, meldete
der Ausguck in der gläsernen Bombernase, aber da ging schon mit einer heftigen
Explosion und Rauchfahne das Farben- und Treibstofflager der Aradowerke in
Flammen auf. Die beißende Rauchfahne schoss zum Himmel hinauf; Forsyth ging auf
größere Flughöhe und drehte den Kurs Richtung Dänemark. Unter ihnen brannte
Arado.
Am Abend boten einige Gebäude der geheimen Kriegsfabrik den Anblick eines Trümmerfeldes.
An eine umgehende Wiederaufnahme der Arbeiten war nicht zu denken. Die
Rathenower Bomberproduktion war gestoppt.
Noch bis zum Kriegsende arbeiteten Zwangsarbeiter in Heidefeld, doch die
Bombardements des 18. April 1944 hatten schwere Schäden angerichtet, die ein
Erreichen der alten Kapazität unmöglich machten. Zuletzt montierte Arado
Rathenow Teile des leichteren Bombers Fokke-Wulff 190. Bei Kriegsende schlossen
sich die Wachposten der Lager und der Fabrik den fliehenden Truppenteilen an;
die Zwangsarbeiter blieben zurück und waren frei.
Die „Naughty Norma“ und die Bombercrew um Forsyth, Borroughs und Rhodes
waren zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Einsatz. Die Crew, diesmal an Bord
eines anderen B-24-Bombers, war während ihrer 29. Mission Ende Mai 44 in einen
heftigen Luftkampf über der Ostsee verwickelt worden und konnte das zum Wrack
geschossene Flugzeug mit viel Glück in Schweden notlanden. Die „Naughty
Norma“ selbst, der zerbeulte Bomber mit den vier 1200 PS starken Pratt&Wittney-Motoren
und dem (Forsyths Frau Norma gewidmeten) PinUp auf der Nase, war noch etwas länger
in der Luft. Am 19. Juli 1944 wurde das Flugzeug über dem Schwarzwald von der
Flak getroffen und stürzte ab. Die Crew konnte sich aus 1.500 m Höhe mit dem
Fallschirm retten. Das Flugzeug stürzte in einen Wald und brannte aus.
Arado
heute
Wer
heute die vier versprengten kleinen Waldstückchen in Rathenow-Heidefeld sucht,
staunt bald, wie vollständig die Natur die Spuren der Vergangenheit überwuchert
zu haben scheint. Unter Birken und Kiefern tanzen die Schmetterlinge; zwischen
dem ehemaligen Hangar und der Havel ist eine malerische Sumpfwiese. Und doch:
etwas ist befremdlich an der landschaftlichen Idylle. Erdwälle, kleine Hügel,
tiefe Furchen mitten im Wald deuten darauf hin, dass hier nicht immer glatter
Waldboden war; dass die Erde alte Fundamente enthalten mag, Trümmer der
damaligen Geheimfabrik.
Und:
auch dubiose Schatzjäger scheinen sich dafür zu interessieren, was aus Arado
geworden ist. Frische Grabespuren an mehreren Stellen belegen, dass manches
versunkene Stück Propeller oder Werkzeug vielleicht doch nicht für immer in
der Rathenower Erde liegen bleibt... irgendwo am Waldrand finden sich
zusammengeschobene Feldbettreste, ein Holzkohlegrill: Picknickplatz von
Waldarbeitern... oder der Spielplatz schlafwandelnder Nazi-Nostalgiker?
Quelle: http://www.semlin.de/pages/liberator.html (2004)
|
|