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Untergang und Befreiung Die Machthaber der IG Farben blieben bis zum bitteren Ende mit dem faschistischen Regime und seiner Kriegsfurie eng verbunden. Dafür gibt es eindeutige Beweise auch aus dem Premnitzer Werk. Noch im September 1944 erhielt das Werk Kriegsaufträge vom Reichsminister für Luftfahrt zur Erzeugung von Perlon – Fallschirmtextilien und vom Oberkommando des Heeres zur „Entwicklung von Perlongarn beziehungsweise Geweben aus Perlon, die zur Herstellung von Gasschutzstoffen eingesetzt werden können“. Der Produktionsausschuss der Fachgruppe „Chemische Herstellung von Fasern“ gab für das zweite Halbjahr 1944 Herstellungsanweisungen, die den Vermerk „kriegswichtig“ trugen. Danach waren zu produzieren: 5.670 Tonnen Viskosezellwolle, 1.800 Tonnen Viskosefestzellwolle, 1.572 Tonnen Viskosenormalkunstseide und 132 Tonnen Perlon – Faser. Noch am 8.März 1945 kam der Fertigungsbescheid Nr. 22, der vorsah, bis zum September 1945 monatlich 30 Tonnen Perlon – Faser im Rahmen des Führernotprogramms für Wehrmachts – und technischen Bedarf zu erzeugen. In Premnitz sollte der Werkschutz und der Volkssturm für diese „letzten“ Ziele eingesetzt werden. Der Werkschutz besaß damals 14 Karabiner 98 mit 1169 Schuss Munition, 40 andere Gewehre mit 3348 Schuss Munition, elf Pistolen mit 365 Schuss Munition und ein SMG. Zusätzlich wurden von Potsdam angefordert: 3000 Schuss SMG-Munition, 300 Platzpatronen und 10 Maschinenpistolen mit Munition. [169] Alle wehrfähigen Männer bis zu 60 Jahren wurden von den Faschisten zum Volkssturm gezwungen. Etwa 500 Männer wurden in den letzten Wochen auf dem heutigen Sportplatz noch für den Tod gedrillt. Ende April war die Rote Armee bis in die Nähe des Dorfes Bamme vorgerückt. Zur gleichen Zeit zogen Reste der geschlagenen Hitlerwehrmacht durch Premnitz, um sich zunächst über die Havel und dann über die Elbe nach dem Westen abzusetzen. SS-Angehörige versuchten, die vor der Roten Armee flüchtenden Truppen zum Stehen zu bringen. Ihre Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg. Mit prahlerischen Reden, aber auch mit brutaler Gewalt sollte so der Volkssturm vom Endsieg überzeugt werden. Im Bunde mit der SS spielten in Premnitz besonders Ortsgruppenleiter Koch, Bürgermeister Nowitzki, Dr. Bartholome, Dr. Waldinger, Dr. Spenker und der Oberförster von Seelendorf eine traurige Rolle während der letzten Zeit vor der Kapitulation. In diesen Tagen versuchte das KPD-Mitglied Adolf Rapsch, mit der Roten Armee Verbindung aufzunehmen, um sie über die Lage in Premnitz zu informieren. Bereits kurz hinter der Waldkolonie, in Richtung Bamme, stieß Genosse Rapsch auf einen Vorposten der Roten Armee. Der Vorzug, dass Rapsch die russische Sprache etwas beherrschte, erleichterte sein Vorhaben. Es gelang ihm, sich mit dem Vorposten zu verständigen, und, begleitet von einem Soldat, nach Bamme zu gelangen. Starke Kräfte der SS lagen noch in Milow. Ständig wechselten sie mit Fahrzeugen zwischen beiden Orten. Sie stießen auch bis auf Sichtweite nach Mögelin vor, konnten aber den Ort nicht mehr betreten, da er von Teilen der Roten Armee bereits besetzt war. Am 30.April wurden alle Volkssturmmänner zum Dorfausgang in Richtung Mögelin befohlen, um sich dort der Roten Armee zum Kampf zu stellen. Die Herren der I.G. wollten sich auch in Premnitz der Zeugen ihrer Grausamkeit entledigen. In der Nacht vom 30.April zum 1.Mai erhielten Teile des Volkssturms den Befehl, die Zwangsverschleppten aus ihren Wohnlagern nach Klietz an der Elbe zu transportieren. Fürchterlich leidend, den Tod oder die Freiheit vor Augen, schleppten sich fast 1400 Männer, Frauen und Kinder etwa 50 Kilometer bis nach Klietz. Ein Teil dieser ausgemergelten Menschen blieb dort, ein anderer Teil kam nach Premnitz zurück und atmete erleichtert auf, als die Rote Armee sie befreite. Im Werk kam die Arbeit mehr und mehr zum Erliegen. Als die Rote Armee sich Rathenow und Brandenburg näherte, gab der Leiter der Perlon-Versuchsanlage, SA-Mann und Volkssturmführer Dr. Spenker, die Anweisung, alle Unterlagen zu vernichten. Zwischen den Gebäuden 049 und 054 wurde ein großes Loch ausgehoben, worin die meisten verfügbaren Akten über die Perlon-Anlage mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt wurden. In diesen letzten Tagen der faschistischen Herrschaft offenbarte sich auch die ganze Feigheit der ehemals so brutalen und großmäuligen Nazis. Der technische Leiter des Werkes flüchtete schon am 1.Mai 1945 nach dem Westen. Der stellvertretende Werkleiter beging Selbstmord. Die Erbärmlichkeit der Nazis und Kriegsgewinnler ging so weit, dass sie sogar ihre Frauen Kinder umbrachten, bevor sie selbst ihrem Leben ein Ende machten.
Am 1.Mai 1945 entwaffneten beherzte Frauen aufgeputschte Jugendliche, die die SS nach Wehrwolfmanier ausgebildet hatte, und schickten sie nach Hause. Am Vorabend hatte sich Adolf Rapsch noch einmal auf den Weg nach Bamme gemacht. Diesmal mit der Gewissheit, dass durch den Volkssturm kein Widerstand gegen die Rote Armee geleistet würde. In Verbindung mit anderen aufrechten Männern, wie Klühe, Wiesener, Grohganz, Blume, Laak, Natschke, Meier, Güldner, Herbst, Wichmann und Kömmling, war in den vorangegangenen Tagen unter den Volkssturmmännern eine aktive Aufklärungsarbeit geleistet worden. Kurz vor Spolierenberg traf Genosse Rapsch wiederum auf einen Vorposten der Roten Armee. Erneut wurde er nach Bamme gebracht und schilderte die Lage in Premnitz. Er erfuhr dort auch, dass mit einem Artilleriebeschuss in den Morgenstunden des 2.Mai der Angriff auf Premnitz beginnen sollte. Dank der besonnenen Handlung von Adolf Rapsch konnten die Befreier ohne Widerstand am 2.Mai 1945 in Premnitz einmarschieren. Die SS-Banditen hatten in Verbindung mit den Naziführern des Betriebes das Werk zur Sprengung vorbereitet. Die Kabel führten am Säuregraben entlang über die Havel bis zu den Milower Havelwiesen. Von dort aus sollte in sicherer Entfernung das verbrecherische Werk vollzogen werden. Spähtrupps der Roten Armee, die bereits am 30.April am Dorfeingang von Premnitz waren, vereitelten den Anschlag. Anlässlich eines Besuches in unserem Werk schilderten die Kommandeure der damaligen sowjetischen Einheiten, General Below und Oberst Posdow, eindrucksvoll die Tage um den 1.Mai 1945, als die Rote Armee die Ortschaft Premnitz befreite. Neben vielen weißen Fahnen leuchteten auch wieder die roten Fahnen, vom Sieg der Arbeiterklasse und der Freiheit des Volkes kündend. Eine Zeit tiefer Schmach für die deutsche Nation, eine Zeit unsagbar schweren Kampfes für die deutsche Arbeiterklasse war vorüber. Eine neue Zeit brach an. |