Der Auf - und Ausbau der NSDAP in Rathenow und im Kreis Westhavelland 1926 - 1933 in Fakten

Wenn heute über die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland diskutiert wird, so umfasst dies vor allem die Zeitspanne vom 30. Januar 1933, der Machtübergabe an den Chef der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, bis zum 8. Mai 1945, der Kapitulation der Militärischen Führung Nazideutschlands und dem damit gleichzeitigen Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. Diese Zeitgrenzen sind jedoch lediglich als Abgrenzung einer historischen Epoche gewählt und bezeichnen weder den Anfang des Nationalsozialismus in Deutschland, noch dessen Ende (so wurde die letzte amtierende nationalsozialistische "Reichsregierung" erst am 23. Mai 1945 durch die Alliierten verhaftet).

In der vorliegenden Kurzdokumentation soll in erster Linie auf den Beginn des Nationalsozialismus in Deutschland bzw. hier speziell dem Anfang nationalsozialistischer Strukturen im Stadtkreis Rathenow und im Kreis Westhavelland eingegangen werden. 

Die ersten Grundzüge der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei  (NSDAP) sollen sich in Rathenow (seit 1925 eigener Stadtkreis) und im dazugehörigen Kreis Westhavelland, nach Aussagen ehemaliger NS Funktionäre, bereits in den Jahren 1922/1923 entwickelt haben. Zu dieser Zeit machte die damals noch eher unbedeutende Partei mit ihrem Vorsitzenden Adolf Hitler vor allem mit dem als "Marsch auf die Feldherrnhalle" bezeichneten Putschversuch vom 9. November 1923 in München auf sich aufmerksam. Die Nachahmung von Mossulinis Marsch auf Rom im Jahr 1922, die mit der Machtübernahme der Faschisten in Italien endete, endete allerdings im Deutschen Reich in den Kugeln der bayrischen Polizei. Hitler und andere NSDAP - Mitglieder wurden verhaftet und die Partei verboten.

Aufgrund einer damals sehr wohlwollenden Judikative und nur bedingt handlungsfähigen Exekutive - ein Fanal der damaligen Weimarer Republik - gelang es der NSDAP nicht nur einen eigenen Mythos zu finden sondern auch die Partei klandestin aufrecht zuhalten. Ein wichtiger Aspekt waren dabei Tarnvereine, die vor allem die paramilitärischen Suborganisationen der verbotenen NSDAP  sammeln sollten. Eine dieser Auffangorganisationen war beispielsweise der von Ernst Röhm (später Stabschef der SA), Kurt Daluege und Wolf Graf von Helldorff im August 1924 gegründete so genannte "Frontbann", der in erster Linie Mitglieder der sich auflösenden Sturmabteilung (SA) der NSDAP zusammenfasste.

Im (damaligen) Kreis Westhavelland entstand so die erste Frontbanngruppe in Roskow,  wobei es sich vermutlich um die selbe Vereinigung handelt, die im März 1925 als "Ortsgruppe Roskow" von der "Völkischen Freiheitspartei"  zur NSDAP übertrat und im August 1925 ca. 30 Mitglieder hat.

Aufgrund der geografisch nahen lagen zum Stadtkreis Brandenburg/Havel entwickelt sich in dieser Zeit eine  sehr enge Verbindung zu Gleichgesinnten dort. In diesem Zusammenhang gestaltete sich auch die erste Bewährungsprobe der Roskower Nazis.

Als am Brandenburger Garnisonstag (2. August) 1925 späteren Angaben zufolge 700 Frontbannmitglieder auf Lkws mit Hakenkreuzfahnen in der Havelstadt einfielen und sich in der Steinstraße mit Arbeitern die "erste Straßenschlacht in der Kurmark" (Herbert Gaede, Kreisleiter der NSDAP Westhavelland 1937) lieferten, waren  es die Roskower Parteigenossen, die Quartier und Verpflegung für die braunen Randalierer gaben.

Über Aktivisten aus Roskow und Brandenburg/Havel entwickelten sich nun auch Beziehungen zu Gleichgesinnten in Rathenow. Bei einem Kriegerfest in der Kreisstadt im Jahre 1925, soll es dann zu ersten Begegnungen gekommen sein. 

Durch Vermittlungen von Brandenburger Frontbannmitgliedern gründete dann der damalige Tiefbauingenieur Kurt Daluege die Frontbanngruppe 90 in Rathenow.

Bild: Kurt Daluege

 

Biografie Kurt Daluege

1897 in Kreuzburg (Oberschlesien) geboren.

1916 Notabitur und Kriegsfreiwilliger

1918 - 1921 Angehöriger des "Selbstschutz Oberschlesien"

1922 - 1924 Tiefbaustudium mit Diplomabschluss an der Technischen Hochschule Berlin.

1922 - 1923 Mitgliedschaft in diversen rechtsextremen Gruppen und Verbänden: "Freikorps Roßbach", "Deutsch - völkischer Schutz und Trutzbund", "Großdeutsche Arbeiterpartei"

1923 nach Begnung mit Adolf Hitler Eintritt in die NSDAP und dessen Berliner Vertrauensmann während des Putsches in München.

1924 Gemeinsam mit Ernst Röhm Gründung des "Frontbann"

1925 Neugründung der NSDAP in Berlin

1926 Gründung der SA in Berlin (bis 1928 deren Vorsitzender)

1930 Übernahme der Berliner SS

1932 NSDAP Abgeordneter im Preußischen Landtag und ab 1933 im Reichstag

1934 an den Säuberungen gegen die SA beteiligt. Im Juli zum SS - Obergruppenführer befördert

1936 Leitung der Ordnungspolizei

1942 Beförderung zum SS - Oberstgruppenführer und am 5. Juni zum Chef des Reichsicherheitshauptamtes

10. Juni 1942 Nach dem Attentat auf "Reichsprotektor" Reinhardt Heydrich  Einleitung von brutalen "Sühnemaßnahmen" gegen die Bewohner des Ortes Lidice und andrer Gemeinden im "Protektorat Böhmen und Mähren"

1943 aus gesundheitlichen Gründen aller Ämter enthoben

1945 verhaftet, als NS - Hauptkriegsverbrecher an die Tschechoslowakei ausgeliefert und 1946 nach Prozesss in Prag hingerichtet 

 

 

 

Auch in Rathenow marschierte jetzt braununiformierter Frontbann mit roter Armbinde und dem von einem Stahlhelm halbverdeckten Hakenkreuz - dem Symbol der SA - Ersatzorganisation. Schulungsabende und Diskussionsrunden wurden abgehalten sowie an Abenden und Sonntagen Geländeübungen.

Für Kasernenhofatmosphäre indes sorgten die von der Frontbannführung von außerhalb in die Städte geschickten Unteroffiziere und Feldwebel, die anscheinend für den Schliff der neuen politischen Soldaten sorgen sollten. In Rathenow war hierfür ein Ludwig Schunk abkommandiert, der dort in der Kleinen Hagenstraße wohnte.

Nach dem sich dann im Februar 1925 die NSDAP reichsweit offiziell neuformierte, bedurfte es dann keine Ersatzorganisationen mehr. Am 8. März 1926 wurde so auch in Rathenow eine Ortsgruppe der Partei gegründet. Erster NSDAP - Ortsgruppenleiter war Erich Daluege, Bruder von Kurt Daluege und späterer Landrat in Goldberg (Schlesien).   Erste Mitglieder sollen dann nach späteren NSDAP Angaben u.a. Hermann Kaste, Fritz Riemann, Gustav Bieck, Herbert Gaede, Heinrich Meiercord, Fritz Spieß, Otto Paasche gewesen sein, die sich in dieser Zeit in Dalueges Wohnung in der Ruppiner Straße oder in einem Zimmer im "Deutschen Haus" trafen.

Frontbann Nord                                                                                                                                                                               Rathenow, den 2.3.26

SA 90

Rathenow

Einladung

Zu der am Sonnabend, dem 8. d. Monats, abends 8 Uhr im "Deutschen Haus" stattfindenden Gründungsversammlung der Nationalsozialistischen Arbeiter - Partei

Ortsgruppe Rathenow, erlauben wir uns, Sie hiermit ganz ergebenst einzuladen.

In der Hoffnung, Sie begrüßen zu dürfen.

Front Heil!

Zur Deckung der Unkosten 20 Pfg. Eintritt

 

Am 6. und 7. Juni 1926 nahmen dann erstmals drei Ortsgruppenmitglieder aus Rathenow sowie einige Parteimitglieder aus Roskow an einem NSDAP - Aufmarsch teil - provokanter weise fand diese Große Veranstaltung in dem Ort statt nach dem die erste deutsche Republik benannt wurde, in Weimar.

Und auch in der Region kam es zu ersten größeren Naziveranstaltungen.

Am 25. und 26. Juni 1926 versammelten sich so mehrere NSDAP - Mitglieder aus Rathenow, Brandenburg/Havel und Berlin (u.a. Kurt Daluege, der die "Feuerrede" hielt) zur ersten Berlin - Brandenburger Sonnenwendfeier der SA auf dem Gollenberg bei Rhinow. Dabei kam es auch zu den ersten handfesten Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern. So marschierten die Nazis im Anschluss der Sonnenwendfeier in Rhinow auf und griffen ein Sommerfest des SPD - nahen  "Reichsbanner Schwarz - Rot - Gold" an.

Auch die ersten Vorboten einer noch dunkleren Zeit scheinen sich im Zusammenhang mit der neuen NSDAP Ortsgruppe Rathenow zu zeigen, als am am 7. Mai 1927 ein erster Brandanschlag auf die jüdische Synagoge in der Fabrikenstraße verübt wurde. Einen Tag zuvor wurde die NSDAP in Berlin - Brandenburg (kurzzeitig) verboten.

Ortsgruppenleiter Erich Daluege wurde wegen der Umtriebe der örtlichen NSDAP Sektion von den "roten" Stadtvätern Rathenows, wie der spätere NSDAP Kreisleiter Herbert Gaede 1937 moniert, aus dem Staatsdienst entlassen. Daluege verließ Rathenow und übergab sein Amt an Gustav Staebe.

Nun folgten allwöchentliche, öffentliche Sprechabende der Parteiaktivisten und "Fahrradbesuche" in den Dörfern in Rathenows Umgebung, bei denen sicherlich nicht nur Nazipropaganda ausgeteilt wurde.

Schließlich wurde der spätere NS - Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels auf Rathenows Ortsgruppenleiter Staebe aufmerksam und ernannte diesen zum Bezirksleiter für "Barnim - Uckermark".

Inzwischen gründete sich in Friesack eine weitere Ortsgruppe der NSDAP im Westhavelland, deren Vorsitzender, Fritz Krause, recht bald zum NSDAP Kreisleiter Westhavelland avancierte.

Nun folgen mit Unterstützung von Spandauer Nazis Versammlung auf Versammlung und neue Ziele im Kampf um die Macht. Die Dörfer um Nauen wurden als "kommunistische Hochburgen" ausgemacht und sollten deshalb Aktionsschwerpunkte in der regionalen NSDAP - "Arbeit" sein. Besonders tat sich dabei der erste SA Sturmführer des Westhavellandes, Krüger (später SS - Oberführer und Bürgermeister von Neuruppin), hervor. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner waren dabei an der Tagesordnung.

Bei der Kreistagswahl 1929 konnte dann die NSDAP ihren ersten politischen Erfolg feiern.  NSDAP - Kreisleiter Fritz Krause aus Friesack wurde als erster Nazi in den Kreistag gewählt und übergab sein bisheriges Parteiamt an den Grafen von Bredow aus Kleßen.

Nun wurde die NS - Propaganda noch verdoppelt und erste Parteiortsgruppen im Norden des Kreises Westhavelland, konkret in Hohennauen (Leiter: Jonny Bremer) und Wassersuppe (Leiter: Samuel Schachschneider), gegründet. Schlagkräftige Unterstützung, im wohl wahrsten Sinne des Wortes, fanden die dortigen Parteiaktivisten dabei in der Rathenower SA unter Führung der SA - Männer Schwuchow und Jackzentis.

Ebenfalls mit Rathenower Unterstützung wurde dann in Kotzen eine Ortsgruppe gegründet, die dort von Franz Lüderitz und Hermann Demuth geführt wurde. Die Ortsgruppe stellte in der Gemeinde sogar eine SA Sektion auf, die in diesem östlichen Teil des Kreises Westhavelland für gewisse Zwecke gebraucht wurde oder wie es Gustav Bieck ganz offen in seinen Erinnerungen (1937) nennt: "die bei den späteren Auseinandersetzungen mit der Kommune oft ausschlaggebend eingreift". Denn gerade der Osten des Kreises galt den Nationalsozialisten immer noch als "kommunistische Hochburg", die es galt niederzukämpfen. Die SA entfachte hier einen regelrechten Kleinkrieg, wobei auch einer ihrer Protagonisten, Wilhelm Nieter, im Februar 1930 verletzt worden sein soll.

Zu dieser Zeit befand sich die "Weimarer Republik" bereits in ihrer Endphase - Weltwirtschaftskrise, daraus resultierende Massenarbeitslosigkeit und Notstandskabinette sowie immer noch zu zahlende Reparationsleistungen infolge des ersten Weltkrieges schwächten die junge Demokratie erheblich und verschärften so den Kampf auf der Straße oder in den Sälen. 

Auch im Havelland nahm die Auseinandersetzung an Schärfe zu. Am 26. März 1930 kam es so in Lietzow, anlässlich einer Veranstaltung der NSDAP Ortsgruppe Lietzow (gegründet am 25. Oktober 1929),  zu einer größeren Saalschlacht  zwischen SA Saalschutz aus Rathenow und Westhavelland sowie in "Räuberzivil" auftretenden Mitgliedern des Sturm 33 Berlin - Charlottenburg einerseits und Arbeitern andererseits.

Die schwerste Saalschlacht im damaligen Westhavelland aus Sicht der NSDAP fand dann 1931 in Groß Behnitz statt, als angeblich 42 SA Leute "200 aus Pistolen feuernde Kommunisten aus dem Saal" warfen.

Die staatlichen Organe wurden indes immer weniger Herr der Lage und konnten so, trotz Verbotsverfügen für die SA (u.a. Uniformierungsverbot am 11. Juni 1930), die Nationalsozialisten nicht mehr aufhalten. Auch im Westhavelland entstanden so immer mehr Ortsgruppen der NSDAP, wie in Päwesin (unter Oskar Steinmetz), in Barnewitz (unter Günther Stein), in Buschow (unter Georg Quandt), in Nennhausen (unter Willi Käpernick), in Gräningen (unter Schönfeld und Femor), in Garlitz (unter Dieckmann) und Gohlitz (Karl Janicke).

Am 5. Juni 1932 wurde Wilhelm Borchers aus Fliederhorst Kreisleiter der NSDAP im Westhavelland. Führer der regionalen SA Standarte 442 war ein Fritz David. Die Partei hat 800 Mitglieder.

Am 17. Juli 1932 sprach Joseph Goebbels, späterer NS Propagandaminister, im Vorfeld der Reichstagswahlen  in Rathenow. Als dann das Wahlergebnis am 31. Juli 1932 in einem Extrablatt der Rathenower Zeitung bekannt gegeben wurde, hatte die NSDAP ihre Stimmen im Vergleich zur Reichstagswahl am 14. September 1930 von 2.082 auf 5.763 mehr als verdoppeln können und wurde im Stadtkreis zweitstärkste Partei hinter der SPD. Im Kreis Westhavelland wurde die NSDAP mit 11.317 Stimmen sogar stärkste Partei.

Am 30. Januar 1933 wurde die Macht in Deutschland, nach dem Scheitern des letzten Präsidialkabinettes unter Reichswehrgeneral Kurt von Schleicher, dann offiziell an Adolf Hitler und die NSDAP übergeben. Die unter dem Eindruck des Reichstagsbrandes abgehaltenen Reichstagswahlen vom 5. März 1933 bestätigen schließlich die Nationalsozialisten als stärkste Kraft auch in Rathenow. Kurz zuvor fand noch die letzte große antifaschistische Demonstration der Rathenower KPD im Stadtkreis statt - ungefähr 2.000 Personen sollen sich an ihr sowie der Abschlusskundgebung am Hagenplatz beteiligt haben.

Bild links: NSDAP - Kreisleiter für Rathenow - Westhavelland Wilhelm Borchers (gest.1935, erster von links) mit Joseph Goebbels (dritter von links) während einer Parteiveranstaltung am 17. Juli 1932 in Rathenow

Quellen:

1.) Herbert Gaede: "Der Kampf der NSDAP um die Macht im Kreise Westhavelland", veröffentlicht im "Kalender des Kreises Westhavelland 1937" S. 31 - 34

2.) Gustav Bieck:: "So fanden wir zu Adolf Hitler" - Der Anfang der NSDAP im Westhavelland, veröffentlicht im "Kalender des Kreises Westhavelland 1937" S. 35 und folgende

3.) http://de.wikipedia.org/wiki/Frontbann

4.) http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/DaluegeKurt/index.html

5.)  Irene Diekmann / Julius H. Schoeps (Herausgeber): "Wegweiser durch das jüdische Brandenburg". Edition Hentrich

6.) Martin Schuster: "Die SA in der nationalsozialistischen »Machtergreifung«in Berlin und Brandenburg 1926–1934", Dissertation, Berlin 2005

7.) Siegfried Specht: "Wilhelm Borchers zum Gedächtnis", veröffentlicht im "Kreiskalender für Rathenow - Westhavelland 1940", S. 32 - 34

8.) Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung (Herausgeber): "Im Kampf geboren", Druckerei "Wilhelm Bahms", Brandenburg (Havel), S.4 - 15

zurück