Die Rathenower Polizeischule 1937 -1945  
     
  Zu den Unrühmlichen Kapiteln der Rathenower Geschichte in der Zeit von 1933 - 1945 gehört zweifelsohne auch das der "Polizei - Reitschule" in Rathenow. Hier wurden Offizieren und Mannschaften für den Polizeieinsatz ausgebildet, der im Zweiten Weltkrieg vor allem in den von den Nationalsozialisten okkupierten Gebieten in brutaler und mörderischer Weise umgesetzt wurde. 

Der Betrieb der Polizeischule begann fast genau zwei Jahre vor Beginn des Kriege. "Im Sommer 1937 zog die Ausbildungsabteilung für Ankaufspferde mit drei Polizeireitoffizieren, einem Veterinäroffizier, 45 Wachtmeister und 154 Pferden in die Zietenkaserne in Rathenow ein." 1.) heißt es in einem kurzen historischen Abriss über der Schule in der Rathenower Regionalpresse 66 Jahre später. Ein ehemaliger Ausbilder, Emil Schwittay, hatte eine Schulchronik verfasst, die, so der Eindruck, der sich aus dem Zeitungsartikel erschließt, doch Recht abgeschwächt hinsichtlich der Verstrickung in die NS - Diktatur und in deren Verbrechen berichtet.   

Unterstellt war die Polizei - Reitschule (ab 1939 Polizeischule für Reit und Fahrwesen) nämlich direkt  dem Reichsminister des Innern und somit ab 1943 NS - Verbrecher Heinrich Himmler, Reichsführer SS und schon seit 17.06.1936 Chef der Deutschen Polizei.

"Von Anfang an hatte die Polizei - Reitschule, (...) , junge Polizeioffiziere zu Führern von Reitstaffeln auszubilden sowie Wachtmeister für den Dienst in diesen Staffeln heranzubilden. Die Ausbildungszeit in der Reitschule betrug für Offiziere acht und für Mannschaften sechs Monate. Daneben mussten vom Stammpersonal der Schule innerhalb von zehn Monaten die aus verschiedenen Warmblut - Zuchtgebieten aufgekauften Pferde zu Reitpferden ausgebildet werden, die im Polizeistreifendienst der Reiterstaffeln eingesetzt werden konnten. Die Ausbildung der Pferde erfolgte nach der Reitvorschrift des Heeres. Die Tiere wurden an Musik, Motorengeknatter, Schüsse, wehenden Fahnen und dergleichen gewöhnt und das vom ersten Tag an."  - berichtet die Schulchronik und zeigt den militärischen Charakter der Ausbildung am Vorabend des zweiten Weltkrieges. 

 
     
 

Bild links: Flankiert von Hakenkreuzfahnen paradieren die Absolventen der Rathenower Polizei - Reitschule (Foto: Brandenburger Wochenblatt, "Das Ende der Rathenower Polizei - Reitschule", Seite 8, Sonntag, 2.Febrauar 2003)

 
     
  Kriegsbeginn  
     
  Der Krieg in des war längst in Planung. Theoretisch war ja bereits seit der Verfassung von Hitlers "Mein Kampf" klar, wohin der Weg des Nationalsozialismus führt, so dass die aggressive Außenpolitik Nazideutschlands zur Revision des Versailler Vertrages - von der Rheinlandbesetzung über die Saarabstimmung zur Annektion Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei - in den 1930er Jahren zwar logische Konsequenz war, andererseits aber nur das Vorspiel zu dem "Kampf um Lebensraum" war, den der NS - Diktator in seinem Buch propagierte und der nun folgte. Bereits "Im Frühjahr 1939 wurde Beamten der Reitschule vom Wehrmeldeamt Rathenow eine Kriegsbeordnung geschickt." , so dass spätestens jetzt Klarheit über Hitlers Pläne herrschen musste. Doch ebenso wie im restlichen Europa wurde Hitlers Kriegslust, dies sich in diesem Schreiben ausdrückt, "zunächst wenig Beachtung geschenkt".  "Am 26. August erhielten dann aber etwa 85 Prozent der Beamten", der Rathenower Polizeischule, "einen Gestellungsbefehl zur Wehrmacht. Der größte Teil der einberufenen Beamten hatte sich auf dem Schulhof der Jahnschule in Rathenow zu melden. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass die Beamten der Schule als Unterführer für ein Bataillon der Wehrmacht Verwendung finden sollten. Dieses in Rathenow zusammengestellte Bataillon wurde am 28. August verladen und fuhr gen Osten." Doch trotz der Offensichtlichkeit glaubte angeblich "keiner der Einberufenden, dass es zu einem Krieg zwischen Deutschland und Polen kommen würde." 

Der Krieg begann am 1. September 1939 aber planmäßig mit dem Angriff  der 3., 4., 8.,10. und 14. deutschen Armee auf die Polnische Republik. 

"Der Ausbildungsbetrieb an der Reitschule fiel aus. Es waren nur einige ältere Kameraden zurückgeblieben, die mit Unterstützung einiger Jugendlicher und älterer Pferdepfleger lediglich die Pferde notdürftig bewegen konnten." - bemerkt hier zu die Chronik lapidar. Zu dem was die hier ausgebildeten Polizeimannschaften konkret in Polen trieben schweigt sie, bzw. ihr Verfasser. Auch dazu das der Krieg ein Eroberungskrieg war, der die Versklavung des polnischen Volkes und die Vernichtung des jüdischen Bevölkerungsanteils im Hinterland für einen "deutschen Lebensraum" zum Ziel hatte und an dem sich eben gerade die Deutschen Polizeibataillonen besonders beteiligten.

Nach der Okkupation Polens und den "Blitzkriegen" im Westen versuchte der Kommandeur der Reitschule "mit dem Hinweis auf die Dringlichkeit der Betreuung und Ausbildung der Pferde eine Freigabe der Beamten durch das Innenministerium zu erwirken." "Nach und nach wurde" dann auch tatsächlich "ein großer Teil der Kameraden aus der Wehrmacht entlassen und nahm die Tätigkeit in der Reitschule wieder auf", wobei das Ziel offenbar die weitere Ausbildung von Offizieren und Mannschaften für immer neue Polizeieinheiten war. Die Kriegspläne gegen die Sowjetunion dürften dabei keine unwesentliche Rolle gespielt haben.

 
     
  Der Krieg weitet sich aus  
     
  Am 22.Juni 1941 begann schließlich die ebenfalls ideologisch geführte Aggression gegen die Sowjetunion. Doch nicht wie in Polen oder Frankreich konnte hier ein schneller Sieg den Frieden bringen, sondern nur einmühsamer, verlustreicher Stellungskrieg den Status quo halten. "1942 wurden die Ausbildungsziele von Reitern und Pferden zunehmend den Kriegserfordernissen angepasst." Die Ausbildung für Mannschaften betrug jetzt nur noch ein halbes Jahr da auch die Polizeidivisionen im Fronteinsatz und in der Partisanenbekämpfung  "erhebliche Verluste erlitten hatten." 

Vor allem der Deutsche Vernichtungsfeldzug im Hinterland ließ  in der Sowjetunion, aber auch in Jugoslawien und Griechenland, große bewaffnete Widerstandsbewegungen entstehen, die für die deutschen Besatzer eine erhebliche Schwächung ihrer Macht und letztendlich auch eine Destabilisierung der Front bewirkten. Die für die Aufstandsbekämpfung eingesetzten Polizeieinheiten nutzten aber auch all zu oft den Schleier der so genannten "Partisanenbekämpfung" für Kriegsverbrechen, wie Geiselerschießungen und Judenmord. Beispielsweise ermordete das Polizeibataillon 309 aus Köln, Bestandteil der 221. Sicherungsdivision der Wehrmacht, am 27. Juni 1941 über 2.000 Juden in Bialystok Mindestens 800 Opfer wurden bei  lebendigem Leib in der Synagoge verbrannt. Das Polizeibataillon 314 erschoss zwischen dem 10. und 14. Oktober 1941 ungefähr 8.000 Juden in Dnepropetrowsk. Das Reserve - Polizeibataillon 101 ermordete am 13. Juni 1942 in der polnischen Ortschaft Jozefow ungefähr 1.500 jüdische Frauen, Kinder, Säuglinge und Greise 2.). Ab 1941 begleiteten Polizeieinheiten auch die Deportationen der europäischen Juden in die Vernichtungslager und leisteten somit auch ihren Beitrag zum Völkermord.

Im weiteren Verlauf des Krieges, konkret ab 1943, sah man nun - auch wegen der genannte Verluste im Krieg -   meist nur noch Reservisten fortgeschrittener Jahrgänge die Ställe und Reitbahnen bevölkern." "Zu den Offizier - Reitlehrgängen wurden nur noch Leutnante und Oberleutnante aus den Polizeiverwaltungen abkommandiert, die nach bestandener Abschlussprüfung als Zugführer in die Reitereinheiten der Polizei an die Front gingen." 1.)

 
     
  Der Krieg kommt nach Deutschland zurück  
     
  Die Vorboten des nahenden Untergangs waren also schon, insbesondere nach den für Nazideutschland verlorenen Schlachten um Stalingrad und Kursk, absehbar. Doch nicht nur an der Front sondern auch im Hinterland bewegte sich der Krieg immer weiter zu seinem Ursprungsort zurück. "Ab Herbst 1943 flogen die Bomber der Alliierten fast täglich - über Rathenow hinweg - in Richtung Berlin. Nacht für Nacht verbrachten die Angehörigen der Schule einige Stunden im Keller und verfolgten die Route der Feindflieger an Hand der Karte und der Ansagen im Radio. Bisher war auf Rathenow noch keine Bombe gefallen.

Am 18.April 1944 gegen 13.00 Uhr ertönte wieder einmal die Sirene. Zu gleicher Zeit war auch das inzwischen gewohnte Geräusch der anfliegenden Bomberschwärme in großer Höhe zu vernehmen. Mit bloßem Auge waren die Maschinen im hellen Sonnenlicht am wolkenlosen, blauen Himmel gut auszumachen.

Die Beamten der Reitschule begaben sich in die Luftschutzräume und die Brandwachen auf ihren Posten in die Stallungen, in denen damals noch nahezu 800 Pferde standen. 

Der Kommandeur der Schule und einige Offiziere standen auf dem Kasernenhof in der Nähe der Kantine und beobachteten durch das Fernglas, wie einzelne deutsche Jagdflugzeuge verzweifelt bemüht waren, an das Bombengeschwader heranzukommen. Immer wieder stießen sie von oben oder von der Seite auf die Lightning - Bomber zu und suchten ihr Ziel. Eine übermacht alliierter Jäger, die das Bombergeschwader begleiteten, stürzten sich auf die deutschen Jäger. Plötzlich drehten die ersten Maschinen des Bomberverbandes ab. Alle waren erstaunt, denn bisher flogen diese Verbände in schnurgerader Richtung auf die Reichshauptstadt zu. Die folgenden Maschinen folgten in einem Rechtsbogen der Spitze des Verbandes . Diese hatte bereits kehrt gemacht und befand sich erneut im Anflug auf Rathenow, jetzt allerdings aus Richtung Südost.  Dann ging alles ganz schnell. Die auf dem Hof stehenden Offiziere ahnten: Jetzt sind wir dran! Sie rannten zum Block III, wo sich die Luftschutzräume befanden, als hinter ihnen schon die erste gewaltige Detonation erfolgte. Stein - und Eisensplitter flogen ihnen um die Ohren. Dann war die Hölle los! In schneller Folge fliegen Bomben auf Rathenow. Auch das in der Nähe gelegene ARADO - Flugzeugwerk bekam einen großen Teil ab und stand in hellen Flammen, ebenso der nahe der Reitschule befindliche zelluloidverarbeitende Betrieb.

Eine der drei Reithallen war durch zahlreiche Brandbomben getroffen, konnte aber durch den Löschtrupp gerettet werden. Zum Glück wurde kein Pferdestall getroffen. Außer 120 Fensterscheiben, die zu Bruch gingen, entstand hier kein größerer Schaden.

Aber über der Stadt stand eine mächtige Rauchwolke und ließ erkennen, dass viele Wohnhäuser und Gebäude getroffen worden waren. Der nicht länger als 10 Minuten dauernde Fliegerangriff auf Rathenow forderte 54 Menschenleben und 89 zum Teil Schwerverletzte. 112 Häuser waren zerstört."

 
     
  Das Ende der Rathenower Polizeischule  
     
  "In den letzten Zügen des des Kriegs im Jahr 1945 wurden die Unterkünfte der Polizeireitschule Rathenow zum "Obdachlosenasyl" für durchziehende Dienststellen der Reichshauptstadt, die nach Westen wollten.

Die Reitschule, Heimat aller im Osten eingesetzten Polizeireiter, wurde Sammelplatz für Leichtverletzte oder von ihren Einheiten getrennte Offiziere, Unterführer und Mannschaften der Polizei - Reiterabteilungen, Schwadronen und Züge, denn in den Wirren der Wintermonate 1944/45 an der Ostfront war die Ersatzabteilung in Posen (heute: Poznan, Polen) längst nicht mehr Sammelstelle für Polizeireiter. So versuchten alle, irgendwie nach Rathenow durchzukommen.

Ein Teil der jungen Remonten war schon Ende 1944 in Letzlinger Heide verlegt worden. Trotzdem waren noch fast alle Ställe besetzt, da ein Teil der Versprengten mit ihren Pferden ankam.

Die Befehle aus dem Hauptamt der Ordnungspolizei und dem Innenministerium überschlugen sich. Es sollten Panzervernichtungstrupps aufgestellt werden und an Panzerfäusten und Ofenohren kurzfristig ausgebildet werden. Westlich von Milow sollten Panzersperren gegen die von der Elbe vorstoßenden Amerikaner errichtet werden. Woche für Woche wurden Einheiten unter Führung von Offizieren und Unterführern zusammengestellt, die beritten oder zu Fuß zu irgendwelchen Stäben oder Kampfgruppen in Frontnähe in Marsch gesetzt wurden. Es herrschte ein heilloses Durcheinander.

Die Rote Armee war südlich von Berlin in westlicher Richtung mit Panzerkeilen - an Brandenburg vorbei - in Richtung Rathenow vorgestoßen. Am 25. April heulten gegen 5.00 Uhr die Sirenen lang andauernd. Panzeralarm.

Alle zur Verfügung stehenden Fahrzeuge wurden bespannt und beladen. Auf dem großen Kasernenhof sammelte sich der Treck. Da die verbliebenen Offiziere und Unterführer der Reitschule kaum bewaffnet waren und keinerlei Kampfkraft für die Stadt darstellten, hatte der Kampfkommandant der Wehrmacht dem Abmarsch der Schule zugestimmt." Das war das Ende der Rathenower Polizeischule.

 
     
  Quellen:   
     
 

1.) Brandenburger Wochenblatt, "Das Ende der Rathenower Polizei - Reitschule", Seite 8, Sonntag, 2.Febrauar 2003

2.) "Polizei im ´Dritten Reich´ - Perversion der Prävention - Rassismus in der Repression - Nachwirkungen totalitärer Herrschaft im   heutigen Rechtsextremismus", PDF - Dokument, 2003

 
     
 

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