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Wilhelm Hagedorn wird am 11. Juli 1894 in Rhinow geboren, er arbeitet als
Melker und Transportarbeiter, Maler und Landarbeiter. Seit 1920 ist er Mitglied
der KPD, dann auch des "Roten Frontkämpferbundes"; sein Aufstieg
beginnt nach dem Kriegsende, als er in Rathenow drei Jahre lang leitend in der
politischen Polizei tätig ist, die dem sowjetischen NKWD untersteht. Danach lässt
er sich von seiner Partei aus Altersgründen in den Betriebsschutz versetzen.
(1)
Als Werkschutzleiter ist er für alle HO-Geschäfte der Stadt zuständig, und
da nicht nur für die Nachtwache und den Schließdienst, für den Schutz gegen
Unfälle, Diebstähle und Brände, sondern auch für die Meldung
"republikfeindlicher" Äußerungen der 350 HO-Angestellten – und
ihrer Kunden. 1951 soll er in einer Rathenower Gastwirtschaft geprahlt haben, er
habe an die 300 "Faschisten" und "Agenten" entlarvt und
wegbringen lassen. (2) Kurz nach diesem Geständnis warnt der RIAS vor dem
Spitzel Willi Hagedorn. Nun gibt es kaum einen Rathenower mehr, der bei seinem
Anblick nicht an die Opfer seiner Denunziationen denkt; selbst seine Genossen
sollen im Gasthaus von ihm abgerückt sein.
Nach der Kundgebung in Rathenow, um die Mittagszeit des 17. Juni 1953, als
der Protestzug beginnt, sich aufzulösen, wird Wilhelm Hagedorn von einem
Genossen gewarnt, er solle sich in Sicherheit bringen, die Menge habe gefordert,
ihn aufzuhängen. Zusammen mit seiner Frau, die auch dort beschäftigt ist, verlässt
er das HO-Gebäude durch einen Hinterausgang, wird aber auf der Straße erkannt,
umringt, beschimpft und geschlagen, nachdem er selbst, um zu entkommen, einen
Mann mit einem Gummikabel niedergeschlagen hat. (3) Frau Hagedorn sucht
vergeblich, ihren Mann zu schützen, wird selbst verletzt, kehrt schließlich um
und verbirgt sich in der HO.
Hagedorn wird von der wütenden Menge durch die Stadt getrieben. "Hängt
ihn auf, den Hund", "schlagt ihn tot!", schallen die Rufe. Immer
wieder wird er geschlagen, stürzt aufs Pflaster, wird getreten, wird hoch
gerissen, weiter geführt, immer wieder prasseln Fäuste und Flüche auf ihn
nieder. Eine Krankenschwester versucht, ihn zu bergen, doch sie wird vertrieben,
die Menge kocht und verlangt seinen Tod.
Man versucht, ihn am abgerissenen Ende eines Blitzableiters aufzuhängen. Als
sich das als zu aufwändig erweist, kann er fliehen und sich mit Hilfe seiner
Genossen in die Molkerei flüchten. "Einige Genossen kamen Hagedorn zur
Hilfe und brachten ihn in einen Raum der Molkerei in der Mittelstraße in
Sicherheit. Als Hagedorn in den geholten Krankenwagen gebracht werden sollte,
machten die Demonstranten Anstalten, den Krankenwagen umzustürzen und bemächtigten
sich seiner erneut." (4) Hagedorn wird aus dem Wagen gezerrt und zum
Havelkanal geschleift. Dort setzt man den schwer Verletzten auf die Mauer:
springen soll er, sich selbst richten, sonst werde er gestoßen. Schließlich lässt
er sich ins Wasser fallen, sucht schwimmend das Ufer zu erreichen. "Ersäuft
ihn!", schallt es aus der Menge. Junge Männer springen in ein Ruderboot,
zwei von ihnen entkleiden sich, schwimmen ihm nach, halten ihn vom rettenden
Ufer fern, suchen ihn zu ertränken.
Da ist die Volkspolizei vor Ort, Hagedorn wird geborgen und ins Krankenhaus
gefahren, wo er nur wenige Stunden später an seinen schweren Hirnverletzungen
stirbt. Ein Volkspolizeiprotokoll hält fest, dass im Rathenower Krankenhaus zunächst
niemand bereit war, den eingelieferten Verletzten auch nur auszuziehen,
"die Begründung hierzu ist noch nicht bekannt." (5)
Dieser Mann war offenbar die Verkörperung all dessen, wogegen man an diesem
Tag rebellierte, das "verhasste Gesicht des Regimes". (6) Auf ihn
hagelte nieder, was sich an Hass aufgestaut hatte, er musste für alle und alles
büßen. Die Akten der gut dokumentierten Prozesse gegen seine Peiniger
hinterlassen nach dem Studium einen unerklärlichen Rest von Grauen, der sich
mit dem Wort "Lynchjustiz" verbindet. Am 22. Juni verurteilt der 6.
Strafsenat des Bezirksgerichtes Potsdam fünf Hauptangeklagte im Fall Hagedorn.
Zwei 18jährige erhalten die Todesstrafe, drei weitere Rathenower
Freiheitsstrafen zwischen zwei und acht Jahren. Gegen die Todesstrafen legen die
Verteidiger Berufung ein. Selbst das SED-Politbüro erhebt Einspruch. Am 27.
Juni wandelt das Oberste Gericht der DDR die Todesstrafen in Zuchthausstrafen
von 15 Jahren um.
Am Tag zuvor ist Wilhelm Hagedorn in Anwesenheit des Ost-Berliner Oberbürgermeisters
und SED-Politbüromitglieds Friedrich Ebert unter den Klängen des Marsches
"Unsterbliche Opfer" in Rathenow beerdigt worden. Doch selbst nach
seinem grausamen Tod, so ein vertraulicher Bericht der SED-Kreisleitung
Rathenow, wurde in den meisten Industriebetrieben in der Mehrzahl "auch von
Genossen negativ über den Genossen Hagedorn diskutiert." (7) Sein 1953
gesetzter Grabstein trug als Inschrift Worte des von den Nazis hingerichteten
tschechischen Autors Julius Fucik: "Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid
wachsam!" Der Grabstein wurde 1997 nach einer öffentlichen Debatte von den
örtlichen Behörden entfernt.
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| 1 |
Vgl. dazu die
Kaderakte Hagedorns, in der auch handgeschriebene Lebensläufe abgelegt
sind, in: BStU, Ast. Potsdam, AU 315/59, Bd. II. |
| 2 |
Vgl. dazu und zum
Folgenden: Rainer Hildebrandt, Willi Hagedorn – Mitarbeiter der
Staatssicherheit in Rathenow, in: ders., Der 17. Juni, 5. Aufl., Berlin
1997, S. 100. |
| 3 |
Vgl. die
Schilderung der Ereignisse aus den Vernehmungen in den Untersuchungsvorgängen
des MfS (BStU, Ast. Potsdam, AU 271/53, STA 4511, Bd. I – IV; AU 192/53,
Bd. 1, AU 231/54, Bd. 1; 271/53 ;320/53). |
| 4 |
Funkspruch des
MfS-Operativstabes an das MfS Berlin vom 17.6.1953, in: BStU, Ast.
Potsdam. |
| 5 |
BStU, Ast.
Potsdam, AU 271/53, Bl. 234. |
| 6 |
Vgl. Hans-Ulrich
Stoldt/Klaus Wiegrefe, Tod in Rathenow, in: Der Spiegel Nr. 26, 16.6.2003,
S. 56. |
| 7 |
SED-Kreisleitung
Rathenow/Abt. Partei und Massenorganisationen, Bericht über die am 23.6.
stattgefundenen Mitgliederversammlungen der Grundorganisationen von 17
Industriebetrieben, 25.6.1953, Vertraulich, in: BLHA, Rep. 530/1004, Bl.
38. /td> |
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