Potsdam - Erstmals in seiner fast fünfjährigen Amtszeit hat Innenminister Jörg
Schönbohm eine rechtsextremistische Kameradschaft verboten. Es handelt sich um
den Verein "Hauptvolk" und deren Untergliederung "Sturm 27".
Mehr als 300 Beamte haben gestern ab 5 Uhr früh über 40 Objekte im
brandenburgischen Havelland sowie in Sachsen-Anhalt und Niedersachen durchsucht
und Material sichergestellt.
In 34 Wohnungen trafen die Beamten der Polizeipräsidien Potsdam und
Frankfurt (Oder), des Verfassungsschutzes sowie des Landeskriminalamtes die
Bewohner an, die übrigen Wohnungen wurden durch den Schlüsseldienst geöffnet.
Sichergestellt wurden neben Hunderten von CDs mit rechtsextremer Musik
neonazistische Propaganda-Schriften, NS-Devotionalien sowie Schreckschußwaffen
und ein Bajonett.
"Zweck und Tätigkeit der Kameradschaft Hauptvolk und deren
Untergliederung richtet sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den
Gedanken der Völkerverständigung", begründete Jörg Schönbohm das
Vereinsverbot. Die Bestrebungen würden auch Strafgesetzen zuwiderlaufen.
"Musik ist das Transportmittel, das neonazistisches und
nationalsozialistisches Gedankengut in die Köpfe der Jugend
transportiert", sagte Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber. Die
Kameradschaft weise Nähe und Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus auf.
In eigenen Veröffentlichungen hätten sich die Anhänger der Kameradschaft
selbst als Nationalsozialisten bezeichnet und wiederholt Vertreter des
NS-Regimes zitiert.
Nach Angaben des Innenministeriums waren Mitglieder der Kameradschaft auch an
Überfällen auf einen linken Jugendclub und auf alternative Jugendliche in
Rathenow beteiligt. Rechtsextreme wie Maurice K., Daniel K., Jens R. und
Christian W. waren zudem 2002 als Wachschutzmänner in einem Asylbewerberheim
der Arbeiterwohlfahrt in Rathenow tätig und sollen Verbindungen ins
Rotlichtmilieu haben. Im Auftrag der Sicherheitsfirma Z. sollen sie auch Besuche
von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber und Brandenburgs Innenminister Jörg
Schönbohm abgesichert haben.
Die Verfassungsschutzchefin nannte vor allem die Aktivität der
rechtsextremistischen Musikszene besorgniserregend: Auch "Hauptvolk"
habe über CDs ihre Parolen unter den Jugendlichen verbreitet. Die Kameradschaft
habe sich sogar als Fußballteam in Rathenow engagiert. Mehrere Mitglieder vom
"Hauptvolk" spielten lange Zeit beim BSC Rathenow II sowie bei der BSG
Einheit Bamme/Gräningen (2. Kreisklasse). Die rechten Kicker organisierten in
Brandenburg mehrere "Nationale Fußballturniere".
Artikel erschienen am Mi, 13. April 2005