Leserbrief von Dieter Seeger in der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Regionalteil "Westhavelländer":
Betreff: "Schlag gegen rechte Szene", MAZ vom 13.April
Faschismus ist ein Verbrechen
Vor 3 Jahren herrschte beim Besuch von Innenstaatssekretär Lancelle bei Landrat Schröder die große (Selbst-)Zufriedenheit. Die MAZ titelte: "Rechte Extremisten voll im Griff". Es gebe eine klare Tendenz des Rückgangs rechtsextremistischer Delikte. Kurz vorher hatte sich der damalige Sozialminister Baaske einschalten müssen. Im Wachschutz des Rathenower Asylbewerberheims warn vier Mitglieder der rechtsextremen "Kameradschaft Hauptvolk" beschäftigt. Dann dümpelte das brisante Thema dahin. Als jüngst die "Freikorps" - Bande aus Nauen verurteilt wurde, war die Landrats - Erregung wieder groß: "Betroffenes Geschwätz allein in geschlossenen Räumen nutzt nichts!" Aber auch der MAZ - Kommentar fragte, "warum die, Freikorps - Leute so lange ihr Unwesen treiben konnte".
Sage keiner, er hätte das nicht gewusst und auch nicht erwartet. Die Antifa - Gruppe Rathenow listet jedes Jahr akribisch alle von ihr ermittelten rechtsextremistischen Aktivitäten und Straftaten auf und verschickt den Report an zuständige staatliche Stellen.
Aber was geschieht, wenn die "Hauptvolk" - Schläger in der Region über Linke herfallen? Welcher ernsthafte Verfolgungsdruck wird ausgeübt? Statt dessen lese ich, dass "Hauptvolk" sich als Organisationsbasis mit einer Fußballmannschaft in die Vereinslandschaft eingeschlichen hat und eine Normalität für Rechtsextreme in der Gesellschaft schaffen wollte. Aber Faschismus ist ein Verbrechen. die Bundesregierung hat 1973 vor der UNO (in die damals DDR und BRD aufgenommen wurden) erklärt, "dass die von den alliierten und deutschen Stellen erlassene Gesetze zur Befreiung des deutschen Volkes von Nationalsozialismus und Militarismus weiterhin in Kraft sind" und sich dabei auf Artikel 139 Grundgesetz bezogen. Die Bestimmungen zur Zerschlagung von NS - Organisationen sind verbindlich geregelt. Es kommt darauf an, sie konsequent durchzusetzen. Das hat Minister Schönbohm im Fall dieser Rathenower Nazi - Organisation endlich getan.
Wenn man hört, auf welche Tradition sich Kameradschaft "Hauptvolk" und "Sturm 27" berufen ist man geschockt: Die "27" bezieht sich auf den Rathenower SA - Sturmbann, der für den faschistischen Straßenterror (mit dem bevorzugten Ziel des jüdischen Kantors Max Abraham) und nach Installierung der Hitler - Regierung für die rücksichtslose Verfolgung und brutale Quälerei ab den Rathenower Antifaschisten verantwortlich war. Diese Schläger mit SA - Sturmbannführer Werner, seinem Adjutanten Meiercord, dem SA - Sturmführer Jakzenties und SS - Sturmführer Götze an der Spitze vollzogen die erste Verhaftungswelle Anfang März 1933, als alle bekannten 14 KPD - Funktionäre verhaftet und im Polizeigefängnis Schleusenstraße misshandelt wurden, über vier Monate lang mit Erniedrigung und Folter bis zu einer Scheinerschießung. Nach kurzer Entlassung brachte man sie ins KZ Oranienburg: Willi Schulz, Karl Gehrmann, Otto Weber, Max Otto, Hermann Archuth, Willi Thiede und andere. Von der zweiten Verhaftungswelle am 27.Juni 1933 berichtete später Max Abraham. Verhaftet wurden etwa 70 sozialdemokratische Funktionäre und weitere Demokraten: Otto Breternitz (SPD - Vorsitzender), Karl Priefert (Stadtrat), Hermann Gottschalk, Willi Bels, Schulrat Jantzen, Erich Weber, Richard Rabenalt sowie Studienrat Wepner (Zentrumspartei), Redakteur Olaf Saile, Arno Ganss (jüdischer Geschäftsmann) und andere. Die SA wütete unter den in der Turnhalle Schleusenstraße Eingesperrten und vollzog Prügelorgien in der Toilette und im Polizeigefängnis. Max Abraham wurde von Meiercord dreimal bis zur Bewusstlosigkeit zusammengeschlagen. Am Nachmittag fuhr man die "Schutzhäftlinge" mit zwei offenen LKW quer durch Rathenow und brachte sie ins KZ.
Wer heute solche Traditionslinien sucht und solch menschenfeindliches Verständnis kultiviert, handelt verbrecherisch. Die 60. Wiederkehr des Tages der Befreiung vom Faschismus gebietet rechtem Ungeist zu widersprechen, über das nationalsozialistische Verbrechersystem aufzuklären und Demokratie vorzuleben.
Dieter Seeger, PDS - Stadtvorstand Rathenow
Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung, Regionalteil "Westhavelländer", Dienstag, 19.April 2005