|
Während dessen plünderten SS - Leute die Sarkophage im Böhner Mausoleum Gardegeneral Koblew soll Rathenow einnehmen / Curlandstraße wird fanatisch verteidigt / Salve um Salve zerstört die Altstadt Von dem im Berliner Raum kämpfenden Einheiten der Roten Armee erhält die Panzerdivision des sowjetischen Generalmajors Koblew den Kampfauftrag, Rathenow einzunehmen, um die Eisenbahnlinie von und nach Berlin zu blockieren. Er durchbricht die deutsche Front bei Berlin, wobei die durch den Durchbruch entstandene Lücke sofort von deutschen Truppen geschlossen wird und Koblew sich einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt sieht. Bereits am 23.April 1945 entwickeln sich schwere Kämpfe bei Friesack, jedoch erreicht Koblew am 24. April 1945 die Stadtgrenze Rathenows an der Stadtforst. Von hier aus will er in zwei Straßenrichtungen Rathenow einnehmen und gibt Befehl für den Angriff am 25.April 1945 vier Uhr. Inzwischen tauchen starke deutsche Panzerverbände im Rücken Koblews auf, die ihn veranlassen, den Rathenower Angriff zu stoppen und seine geschwächte Division in einem schwierigen Manöver zu einer neuen Angriffsfront aufzubauen. Koblew gelingt es, die deutsche Panzerdivision zurückzuschlagen, die daraufhin den Kampf abbricht und sich nach Brandenburg zurückzieht, wo sie endgültig vernichtet wird. Allerdings ist nun an eine zuerst beabsichtigte Überrumpelung der Rathenower Garnison nicht zu denken, diese hat Zeit gewonnen, den Widerstand zu organisieren. Der Angriff geht weiter, und am 26. April 1945 entwickeln sich die ersten Straßenkämpfe in der Stadtmitte. Um fünf Uhr Feindalarm Die sowjetische Front vor Rathenow beginnt sich zu festigen und entwickelt den erforderlichen Flankenschutz. So stößt das 32. Tomascheski - Panzerregiment von Nauen her durch die Wälder auf Premnitz vor. Von Brandenburg her kämpfen sich sowjetischen Divisionen auf die Elbe vor, sie sollen verhindern, dass deutsche Truppen von Westen her Hitler in Berlin zu Hilfe kommen. Außerdem sollen sie keine Durchbrüche aus Berlin heraus in Richtung Westen zulassen. Am 25. April 1945 wurde um fünf Uhr und fünf Minuten der so genannte "Feindalarm" ausgelöst, der eine Reihe von Befolgungsmaßnahmen für die Bevölkerung der Stadt Rathenow ankündigte. Damit stand nun der von vielen befürchtete "wirkliche Krieg" vor der eigenen Tür. Schon Tage, wenn nicht Wochen vorher, durchzogen die Reste deutscher Armeen auf schwer beladenen Fahrzeugen die Stadt entweder in Richtung Neue Schleuse / Tangermünde oder Fehrbelliner - / Curlandstraße Richtung Rhinow / Havelberg. Dazwischen Kolonnen von Zivilisten aus Berlin / Spandau, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, Evakuierte, Vertriebene, erschöpft, ermüdet, in wilder Flucht, Untergangsstimmung verbreitend und das Ende ankündigend. Verstopfte Straßen, verstopfte Kreuzungen, Heereskolonnen, die sich rücksichtslos die Vorfahrt verschafften. Wagenkolonnen, die Tag und Nacht dem Inferno der Front entfliehen wollten. (Der Verfasser hörte von diesem Chaos zum ersten mal in belgischer Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945 bei der Arbeit in einer Kohlegrube. Ein junger Belgier erkundigte sich nach seinem Heimatort und berichtete zu meiner großen Überraschung von seiner Flucht als Vertragsarbeiter bei ARADO in Brandenburg per Fuß über die Kreuzung Berliner - / Fehrbelliner Straße in Rathenow. Das Chaos war perfekt, das war das erste, was ich von meiner Heimatstadt nach dem Zusammenbruch ausgerechnet auf Fördersohle 807 hörte.) Die Kämpfe zur Verteidigung Rathenows lassen sich als Einzelaktionen sehr schwer nachweisen. Dem Verfasser selbst sind nur die allerdings sehr detaillierten Schilderungen eines ehemaligen Lehrlings Manfred Sieg in guter Erinnerung. Drei Zentren der Verteidigung Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft 1947 und nach seiner Arbeitsaufnahme bei der Firma Dürselen erfuhr der Verfasser diese mit großer Sachkenntnis vorgetragenen Einzelheiten während der "Frühstückspause". Dem Manfred Sieg war bekannt, dass zur Verteidigung drei Verteidigungszentren oder Widerstandszentren in aller Eile eingerichtet wurden, die entsprechend gut ausgerüstet regional jeweils als das Rückgrat der Verteidigung vorgesehen wurden. So wurde die Innenstadt durch das bei einem früheren Luftangriff am 18.April 1944 zerstörte Apollo - Theater in der Berliner Straße, aber jetzt entsprechend befestigt, militärisch beherrscht und riegelte alle Kreuzungsstraßen ab. Dieser Punkt und seine Umgebung wurden restlos zerschossen. Bei Entrümpelungs - und Demontagearbeiten für das am 09. Mai 1957 eingeweihte Kulturhaus wurden dann unter meterhohen Schuttbergen Kisten mit Eierhandgranaten, Gewehrpatronen und Panzerfäusten gefunden - Munitionsvorräte für die damaligen Verteidiger. Als die für den weiteren Verteidigungsverlauf wesentlichen Zentren nennt M. Sieg verlässlich das damalige Capitol - Lichtspieltheater in der Großen Hagenstraße / Ecke Hermann Löns Straße, etwa im Bereich der heutigen Musikschule. Dieser Bereich wurde ebenfalls restlos zerstört. Und weiter als letzten und dritten Stützpunkt das ehemalige Betonwerk in der Curlandstraße, damals etwa im Bereich des späteren Kontors für Obst und Gemüse [Ecke heutige Goethestraße]. Den Hauptteil der Verteidigungskämpfe sah M. Sieg in diesem dritten Bereich. Mit dem Auftauchen der ersten Rotarmisten am 26. April 1945 im Bereich der Stadtforst / Bammer Landstraße und in der Grünauer Forst scheint sehr bald eine sowjetische Basiskampflinie in der damaligen Frontkämpfersiedlung (jetzt Waldsiedlung) hergestellt worden zu sein. Die Eltern des M. Sieg besaßen ein Haus in dieser Siedlung, und vom Keller und später vom Hof des Hauses aus, das von Rotarmisten voll besetzt war, konnte M. Sieg als Augenzeuge die Angriffsvorbereitungen der Rotarmisten aus nächster Nähe beobachten. Wesentlich dabei war, dass Kampfeinheiten der Rotarmisten pausenlos Angriffe vortrugen, wobei sie über den jetzigen Friedrich Ebert Ring vorstießen und weiter zur Curlandstraße gegen den bereits genannten Verteidigungspunkt (bzw. gegen den den Punkt Capitol - Lichtspieltheater). Die Rotarmisten bevorzugten dabei Nachtangriffe, die sie bereits früher so erfolgreich praktizierten, hier jedoch nicht zum Erfolg führten. M. Sieg hatte immer noch die erfolglose Rückkehr der Kampfgruppen im Morgengrauen vor den Augen, wie sie ihre zusammengeschossenen Toten und Verwundeten in die Siedlung schleppten. Trotz der wiederholten Angriffe der Rotarmisten über viele Tage scheint ein Erfolg ausgeblieben zu sein, und sie kamen wohl über die Linie Curland - / Jederitzer - / Rhinower Straße nicht hinaus. Daran änderten auch die Einsätze von Jagdbombern nichts, die in diesem Bereich mehrfach erfolgt sein sollen. Die überaus fanatische Verteidigung des Bereiches Curlandstraße wurde damals zurückgeführt auf den Einsatz von HJ - Verteidigungsgruppen, ebenso auch die anderen exponierten Stellen in der Stadt.. Mit den Einsickern weiterer Kampfgruppen von Rotarmisten überall im Stadtbereich und in den Außenbezirken flammten immer wieder Kämpfe zwischen den Angreifern und Verteidigern auf, die teilweise mit Panzerunterstützung bei den Sowjettruppen erfolgte. So berichtet Herr Manfred Jaserick (früher Karl - Heidepriem - Weg 3a) als Augenzeuge, dass bereits am 26.April ein Sowjetpanzer T 34 am Weinbergweg am Anfang der Milower Straße die Brandenburger Straße entlang feuerte und die Kreuzung Berliner - / Fehrbelliner Straße unter Beschuss nahm (Noch im Jahr 1947 stand ein abgeschossener Panzer T 34 am Schleusenplatz und einer am Bahnübergang Süd / Viertellandsweg [heute Puschkinstraße Ecke An der Bahn], die vor sich hinrosteten - Zeugen der heftigen kämpfe und nun Strandgut des Krieges). Nur Zögerndes Vorankommen M. Sieg berichtete, dass auch im Bereich der Innenstadt die Rotarmisten nur zögernd vorankamen. Sie sollen zwar die Schleusenbrücke überwunden haben, aber dann wieder zurückgedrängt worden sein, wo sie am Ostufer des Stadtkanals verharrten. hier entwickelten sich beiderseits mörderische Scharfschützengefechte, in denen sich die Gegner gegenseitig aus den Deckungen herausschossen. Damit blieb aber noch eine Verbindung offen, die über Neue Schleuse (Rathenow West), Jederitzer Straße nach Rhinow verlief. Das bestätigte dem Verfasser ein Lehrer aus Magdeburg ungefähr im Jahre 1980, damals wie er ein Kur - Teilnehmer, und, wie sich herausstellte, als Soldat an den Kämpfen in Rathenow beteiligt. Er fuhr "Nachschub" über diese Route und erinnerte sich an furchtbare Szenen. So war er Augenzeuge als aus einem Stallgebäude an der Gaststätte "Hubertus" zwei junge Soldaten gefesselt zu ihrer Hinrichtung geführt wurden. Und er sah auch auf den Marktplatz (Platz der Jugend) einen HJ - Verteidiger liegen, dem bei einem Feuerüberfall ein glühender Granatsplitter die Bauchdecke aufgerissen hatte und der entsetzlich schreiend nach "seiner Mama" rief und doch allein im Dreck der Straße sterben musste. Das ist nun der Anlass, das verheerende Wirken zweier schwerer 8,8 cm Flak - Batterien zu nennen, die für die Verteidigung Rathenows im Erdkampf eingesetzt waren und von denen eine Batterie in Klein Buckow Stellung bezogen hatte und die andere auf dem Eichberg bei Göttlin. die meisten Zerstörungen in Rathenow gehen auf das Konto dieser beiden Batterien, die Salve auf Salve in die Stadt feuerten und dabei ganze Straßenzüge und Stadtviertel (besonders in der Altstadt) in Schutt und Asche legten. Ganz zu Schweigen von den verheerenden Bränden, die durch glühende Granatsplitter entfacht wurden. Der Verfasser, der nach seiner bereits schon genannten Rückkehr aus der Gefangenschaft 1947 seinen Geburtsort Klein Buckow besuchte, entdeckte zufällig in einer Schonung und im Kiefernwald unmittelbar am Dorf die Reste dieser Batteriestellung - Stapel mit hunderten von leer geschossenen Granathülsen (lange Zeit stand noch ein 8,8 cm Flakgeschütz auf dem Bahnhof in Großwudicke). Die Rote Armee scheint in Rathenow außer den bewährten Granatwerfern kaum schwere Artilleriewaffen eingesetzt zu haben. Wehrmachts - und Volkssturmeinheiten um Rathenow herum hatten vermutlich die Aufgabe, die Flankendeckung für die Verteidigung Rathenows zu gewährleisten. So stießen starke SS - Verbände aus dem Raum Milow / Premnitz bis auf Sichtweite nach Mögelin vor, nahmen jedoch nicht den Kampf auf, da Mögelin von teilen der Roten Armee besetzt war. Volkssturm eingesetzt Dafür wurden am 30. April alle Volkssturmmänner aus Premnitz zum Ortsausgang Mögelin befohlen, um sich zum Kampf zu stellen. Diese armselige Maßnahme "verlief" sich im wahrsten Sinne des Wortes, und am 2. Mai rückte die Rote Armee ohne Widerstand in Premnitz ein. Eine schwer bewaffnete SS - Armee, die sich ohne Feindberührung in den Wäldern des Pappert und in den Kattenbergen versteckte, ließ sich also von kranken und invaliden Volkssturmeinheiten verteidigen, und den eigenen Rückzug abdecken, um das eigene Fell zu retten! Nichts kennzeichnete besser die eigentlichen Absichten, für die Rathenower geopfert wurden. Die einzige Aktivität der SS - Einheiten bestand darin, die Särge und Sarkophage des auf der Böhnischen Schäferei befindlichen Mausoleums zu öffnen, um von den Skeletten Schmuck zu plündern. Wehrmachtseinheiten versuchten, die Straße Hohennauen / Rhinow freizuhalten. Motorisierte Einheiten bewegten sich im Raum Semlin / Lötze. Auf der anderen Seite des Hohennauener Sees befand sich in unmittelbarer Nähe der Glien - Bebauung, also bei Hohennauen, ein Batallionsgefechtsstand, dessen Erdeckungen noch vor Jahren zu sehen waren. Hier erfolgte Beschuss durch sowjetische Batterie, die bei Ferchesar gestanden haben und die über den See hinweg gefeuert haben soll. Rudolf Bergau Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung, Lokalteil "Westhavelländer", Seite 16, Sonnabend, 18.März 1995 |